Weitere Bilder

Nicole Nickel studierte Malerei an der Akademie für Bildende Künste, Mainz, in der Klasse von Friedemann Hahn. Anfang der 90er Jahre beschäftigt sie sich dort zunächst mit zwei Themen: Architektur und Fläche. Während andere ihre Leinwände mit Ölfarben zuspachteln oder Kindheitstraumen abarbeiten, platziert sie kleine geometrische Häuser auf leuchtend blauen Oberflächen. Die Volumen schweben ohne Licht und Schatten wie in einem idealisierten Himmel. Manchmal befindet sich neben dem Haus ein kleines Schwimmbad. Oder ein anderes, ebenso symbolisches Haus. Es geht nicht um Architektur, sondern um geometrische Abstraktion: statt ihre Arbeiten auf die perspektivischen Abbildung zu reduzieren, wählt Nicole Nickel die Technik der Axonometrie (Höhe, Breite und Länge sind im gleichen Verhältnis repräsentiert und auf drei Achsen gerückt).
 
Im Gegensatz zur Perspektive, die den Betrachter durch den Eindruck von Tiefe in Beziehung zum Bild setzt, ist die Axonometrie die am weitesten von der Realität entfernte Repräsentationmethode. Wie in Nicole Nickels Arbeiten, verweist die Axonometrie den Betrachter dabei aus dem Raum und strebt nach der distanzierten Genauigkeit von technischen Zeichnungen (Pläne oder Fassaden. Haus, Brücke, Absperrung, Frittenbude oder Siedlung werden dabei zu komplexen abstrakten Formen - ohne sich jedoch in der Einfachheit der Geometrie zu verlieren.
Nicole Nickel wendet sich um 1997 vom rechteckigen Format des Rahmens ab. Nicht mehr vom Untergrund beherrscht, gewinnen die ausgeschnittenen Formen eine Unabhängigkeit vom Träger. >Gebäude< (1997) besteht somit nur aus gesägten MDF-Platten mit intensiven Farbflächen. Einige Jahre später geht sie den konsequenten Schritt und benutzt das Werkzeug, das fähig ist, die Quadratur des Rahmens zu brechen und in kürzester Zeit ein Maximum an Flächen herzustellen: die Informatik. Durch die Möglichkeiten der Veränderungen, Neuversuche und Annulierungen lassen sich am Rechner geometrische Formen von unvermuteter Komplexität entwerfen.

Heute bewegen sich die Arbeiten von Nicole Nickel zwischen architektonischem Realismus und größtmöglicher Abtraktion, die dennoch durch Motive und leicht zu identifizierende Themen einen gewissen Grad von Wirklichkeit bewahrt. Zerschnittene, auf PVC montierte digitale Photoprints werden zu Quasi-Skulpturen, denen nur die Masse fehlt. Man kann sich nicht verwehren, hier oder dort eine fliegende Untertasse, einen Gartentisch mit Spitzendecke, ein Stück Holz oder eine Grasfläche zu sehen. Und man sucht unwillkürlich nach Landschaften oder möglichen architekturalen Formen. Nicole Nickel setzt sich über die Grenzen des Mediums (die Malerei) hinweg, ohne auch nur für einen Moment der Faszination für das Werkzeug (die Informatik) zu verfallen. Ihre Objekte - wie sonst sollte man sie nennen? - sind von Hand lackiert und weisen sich so als künstlerische Originale aus. Ihre Formen: konstruierte Landschaften, pop und unmöglich.

[Thibaut de Ruyter]